Buchtipp: China. Die Küche des Herrn Wu

Kochbücher über die chinesische Küche gibt es viele: Fünf-Elemente-Kochen, Suppenrezepte, vegetarische Gerichte – darüber habe ich bereits berichtet. Heute möchte ich Euch ein besonderes Buch ans Herz legen, das durch meist schlichte, leicht zuzubereitende und authentische Gerichte überzeugt. „China. Die Küche des Herrn Wu“ ist eine Rezeptsammlung von Herrn Wu und Frau Wang, die ein China-Restaurant in Berlin führen. Sie selbst kochen nicht, für die Zubereitung der kulinarischen Köstlichkeiten sind chinesische Köche zuständig. Laut Autorin ist das Besondere dort die Verbindung zwischen chinesischem Essen und deutschem Wein. Im Buch ist es eindeutig das Essen.

Herr Wu, Foto: Manuel Krug für Tre Torri Verlag

Zwischen zwei äußerst dicken Buchdeckeln verbirgt sich die vielfältige kulinarische Welt Chinas: Rezepte von süß-sauer, mild über würzig bis chili-scharf. Gerichte, die wohl jeder Chinese kennt und die jeder tatsächlich ohne Komplikationen nachkochen kann. Die Grundzutaten sollte man allerdings vorrätig haben wie Sojasoße, Ingwer, Frühlingszwiebeln, Ingwer, Raps- oder Sesamöl und Chilischoten. Aufgetischt werden Vorspeisen, Hauptgänge und Nachspeisen und dies in der Art, als würde Herr Wu zum Essen einladen. Was würde er seinen Gästen servieren? Beispielsweise im Winter oder wenn nur Vegetarier zu Besuch kommen? Hier werden verschiedene Speisen vorgestellt – mit großformatigen Fotos und einer einfachen Beschreibung.

Die Gerichte sind aus dem Leben gegriffen, haben keine ausgefallen Namen, sondern benennen genau das, was gekocht wird, z. B. eingelegter Weißkohl, heißer Topf mit Rindfleisch und Kartoffeln, Eintopf mit Suppenhuhn, Dong-Gu, Mu-Err-Pilzen und Winterbambus, gekochte Teigtaschen, Wolfsbarsch gedämpft mit Ingwer, Frühlingszwiebeln und Sojasoße. Sogar ein Rezept für Peking-Ente wird verraten.

Dass Herr Wu teils Zugeständnisse hinsichtlich westlicher Geschmacksgewohnheiten machen muss, wenn er beispielsweise ein Gericht mit weniger Fett als gewöhnlich in China anbietet, ist nachvollziehbar. Oder auch wenn Wein zum Essen getrunken wird. Chinesen trinken in der Regel nicht beim Essen, allerdings in Hongkong wird auch zwischendurch Tee getrunken oder auch Cola in Dosen ist beliebt bei den Jüngeren.

Was unterscheidet das Buch von anderen? Für mich ist es die Auswahl an Gerichten, die simpel, aber ursprünglich sind. Erst letztens habe ich eine Variante von „Hähnchen in Sojasauce-Frühlings-Zwiebelöl“ gegessen, die meine Mutter zubereitet hat. Während des Durchblätterns des Kochbuchs hatte ich übrigens lauter Dejà-vus. Meine Eltern hatten ebenfalls ein China-Restaurant im Westen von Berlin („Lotos House“), das sie 32 Jahre lang in Eigenregie führten. Mein Vater kochte ebenfalls täglich einen riesigen Topf Hühnerbrühe als Grundlage für die chinesischen Suppen und Soßen. Es gibt nichts Besseres als eine richtige Brühe aus Suppenhühnern, die stundenlang gekocht werden. Den Teig für die Wantan hat mein Vater mit der Nudelmaschine stets selbst zubereitet und mit dem Küchenbeil hat er alles geschnippelt, gehackt und zerkleinert.

Mein Fazit: Leckere, alltagstaugliche Rezepte, einfach erklärt, schnörkellos und modern präsentiert. Wer Lust hat, authentische chinesische Rezepte auszuprobieren, sollte zum Buch und Wok greifen. Die Küche des Herrn Wu ist auch eine Küche für alle.

Ursula Heinzelmann: China. Die Küche des Herrn Wu, Tre Torri Verlag, 2018

 

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Buchtipp: „Die Chinesen – Psychogramm einer Weltmacht“

Die Chinesen, Econ VerlagChina wird als Wirtschaftsmacht im 21. Jahrundert eine, wenn nicht sogar die bedeutende Rolle in der Weltpolitik einnehmen. Doch welchen Weg wird das Land in Zukunft einschlagen? Wie wird sich Chinas Aufstieg auf den Weltfrieden auswirken? Wie ticken die Chinesen? Um diese Nation besser zu verstehen, haben die Autoren Stefan Baron und seine chinesische Ehefrau Guangyan Yin-Baron in ihrem Buch „Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“, erschienen im Econ Verlag, die Gefühlswelt und Denkweise der Chinesen wissenschaftlich, aber auch anhand persönlicher Erfahrungen, unter die Lupe genommen. Ein aufschlussreiches Portrait einer Nation, die vor großen Herausforderungen steht.

Die Zukunft von China wird die Zukunft der Welt bestimmen, so lautet der Grundtenor des Buches. Die Autoren machen deutlich, dass Europa und insbesondere Deutschland die Entwicklungen des Reichs der Mitte nicht mehr ignorieren kann. Vielmehr sei eine „kluge Fernostpolitik“ des Westens notwendig. Europa solle sich für eine „wahrhaft multipolare Ordnung“ einsetzen, die einen amerikanisch-chinesischen Konflikt verhindern soll.

Der Streit um die Handelszölle zwischen den USA und China macht bereits deutlich, wie die Vorherrschaft der USA ins Wanken gerät und die Konkurrenz aus China Einfluss auf das Weltgeschehen nimmt – was die Wirtschaft, Finanzen und auch die modernen Technologien angeht. Zwischen den USA und China herrsche ein militärisches und finanzielles „Gleichgewicht des Schreckens“. Doch die Autoren beruhigen: China strebe schon aus Tradition keine Weltherrschaft an, sondern einen Platz in einer globalen Weltordnung, in der China souverän und ohne Bevormundung durch andere Staaten seinen Platz einnimmt. Die chinesischen Politiker haben seit jeher betont, dass es um einen „friedlichen Aufstieg“ ihres Landes gehe, um eine wirtschaftliche und technologische Führungsposition einzunehmen. Während die US-Politik China als neue Supermacht fürchtet, sieht die amerikanische Bevölkerung dies jedoch gelassener. Die Bedrohung sehen sie eher durch Nordkorea oder die Islamisten.

Das China-Bild des Westens hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt – von der Faszination bis zur Verachtung. Das Buch gibt hierzu einen kurzen Überblick. Ebenso über die philosophischen Grundlagen von Konfuzius, Laotse, Mao und Deng, die für das Selbstverständnis der Chinesen unabdingbar sind. Darüber hinaus wird darauf hingewiesen, dass die Deutschen viel zu wenig über die Chinesen wissen. Sogar in den Medien würden Stereotypen bedient und ein wirkliches Verstehen verhindert. Dies sei aber wichtig, um sowohl die Risiken als auch die Chancen für Deutschland und Europa zu erkennen und einordnen zu können. Kulturelle Kompetenz ist einer der Schlüssel für internationale Beziehungen.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Aspekten wie Familie, Moral und Gesellschaft, die Beziehung von Mann und Frau oder die Lebenseinstellung. Beispielsweise wird erläutert, warum Chinesen weniger Probleme beim Lügen sehen, um das „Gesicht“ zu wahren. Ebenso wird erklärt, wie das rüpelhafte Verhalten in der Öffentlichkeit einhergehen kann mit einem sehr rücksichtsvollen Umgang innerhalb der Familie und Sippe nach konfuzianistem Ideal. So erscheint es „normal“, dass einem ein Fremder die Tür vor der Nase zufallen lässt oder sich auch nicht entschuldigt, wenn er einen anrempelt.

Im letzen Teil wird auf die Themen Arbeitswelt, Staat und Gesellschaft und Rolle Chinas in der Welt eingegangen. Alle Themen werden präzise analysiert und durch zahlreiche Umfragen, Studien, Zitate von Wissenschaftlern und China-Kennern sowie aktuelle Beispiele aus den Medien erläutert und mit Zahlen untermauert. So ergibt sich ein umfangreiches Bild der Denkweise der chinesischen Bevölkerung.

Das 448 Seiten starke Buch liest sich sehr spannend und überzeugt durch seine Aktualität. Es wendet sich durch eine unkomplizierte, klare Sprache an eine breite Leserschaft. Es gibt sowohl dem China-Interessierten, als auch Geschäftsleuten einen umfassenden Einblick in das Denken und Handeln einer Nation, die bereits jetzt als größte Volkswirtschaft zählt. Ein Standardwerk, das für den zukünftigen Diskurs wichtige Impulse geben wird.

Stefan Baron, Guangyan Yin-Baron: „Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“, Econ, 2. Aufl. 2018

 

 

China kämpft gegen die Umweltverschmutzung

Peking

Foto: M. Schneider

Smog in Peking, Müllimporte und verdreckte Flüsse: Die zunehmende Umweltver-schmutzung hat ein Umdenken in China bewirkt. Umweltschutz ist schon seit 2005 Thema der chinesischen Politik, ist aber nun besonders in den Fokus gerückt. Er steht neben Künstlicher Intelligenz, Internet und Biotechnologie auf der aktuellen Agenda der Regierung. Das Reich der Mitte als Umweltschützer zu reklamieren, wäre jedoch übertrieben. Auch ökonomische und Image-Gründe spielen eine Rolle, weshalb eine neue strengere Umweltpolitik derzeit eingeläutet wird. Doch wie agiert Chin auf seinem Weg, die Umweltverschmutzung zu bekämpfen?

1. Elektromobilität
Autos sind in China Statussymbol und kennzeichnen das Bild in vielen Metropolen. Seit Jahren setzt das Land vermehrt auf Elektroautos, die seit 2009 gefördert werden. China ist Spitzenreiter. Laut einer Studie des Brancheninstitus CAM wurden 2017 in China 777.000 E-Autos abgesetzt. Ob deren Prognose mit einer Million in diesem Jahr eintrifft, bleibt abzuwarten. Die Subventionen, die bis 2020 gewährt werden, fallen geringer aus, um Missbrauch zu vermeiden und den Wettbewerb zu stärken. Die Hersteller müssen seit diesem Jahr zudem die Wiederverwertung von alten Elektro-Akkus gewährleisten. Recycling ist jetzt Pflicht. Fakt ist: China führt in der Welt derzeit den Absatz bei E-Autos an – noch vor den USA. Das Technologieunternehmen Baidu darf jetzt sogar selbstfahrene Autos in Peking testen.

2. Luftverschmutzung
Laut Greenpeace hat sich die Luft in Peking verbessert. Im letzten Quartal 2017 haben sich die Feinstaubwerte zum Vorjahr um die Hälfte reduziert. Die Gründe hierfür: Fabriken wurden stillgelegt, Kohleöfen entfernt und auf Gas und Strom umgestellt sowie Autofahrverbote eingeführt. Allerdings ist die Stadt immernoch nicht smogfrei. Zur Verbesserung der Luft hat die Stadt Xi’an sogar einen 100 Meter hohen Turm errichtet, der die Luft filtert (Link: https://www.golem.de/news/umwelt-china-baut-100-meter-turm-fuer-die-luftreinigung-1801-132303.html).
China hat das Ziel, die Kohleverbrennung bei Heizungen landesweit zurückzufahren, insbesondere in Nordchinas Städten und auf dem Land. Gemäß Angaben des Umweltministers sollen die Grenzwerte für Feinstaub nach einem neuen Drei-Jahres-Plan nochmals reduziert werden. Genaue Zahlen sind aber noch nicht bekannt. Außerdem werden Kohlekraftwerke geschlossen und die Stahlproduktion reduziert.

3. Verbot von Müllimporten
24 Müllsorten, z. B. Plastik und Papier, werden seit Januar nicht mehr nach China importiert. Laut Ministerpräsident Li Keqiang soll jeglicher Müllimport zukünftig verboten sein.

4. Umweltschutzsteuer für Unternehmen
Unternehmen und öffentliche Einrichtungen müssen ab April eine neue Umweltschutzsteuer zahlen. Die Steuer wird fällig für Lärm-, Luft- und Wasseremissionen, sofern eine Erlaubnis für die Abgabe von umweltschädlichen Stoffen vorliegt.

5. „Grüne Städte“ als Demontrationszonen
Drei Städte haben es geschafft: Shenzhen, Taiyuan und Guilin wurden ausgewählt, um neue Technologien im Bereich saubere Energie, Nachhaltigkeit und Ökologie zu testen. Insgesamt soll es zehn Städte geben, die von umweltfördernden Technologien profitieren werden und als Testprojekte zukunftsweisend für das ganze Land fungieren sollen.

6. Wasserressourcen
Die Flüsse sind verschmutzt, das Leitungswasser in den Städten lässt zu Wünschen übrig. Die Konsequenz: Laut Regierung wurde ein Programm zum Wassersparen landesweit eingeführt, außerdem noch ein neues System zur Wasserressourcenverwaltung. Laut Angaben der UNO zum Weltwassertag habe sich die Trinkwasserversorgung in China in den letzten Jahren verbessert. 2015 hatten in China 330 Millionen mehr Zugang zu sauberem Trinkwasser als im Jahr 2000.

7. Wind- und Solarenergie
China ist Vorreiter bei den Erneuerbaren Energien. Nach Angaben von Bloomberg New Energy Finance hat China 133 Milliarden Dollar investiert, darunter mehr als die Hälfte für Solarenergie.
Im letzten Jahr überraschte dann ein Projekt der Provinz Qinghai, die eine Woche lang auf fossile Brennstoffe verzichtete. Die Huffington Post berichtete.

8. „Smog“-App
Die Regierung stellt eine App mit Luftwerten von Städten zur Verfügung. Verstöße durch Überschreitung der Werte können von den Bürgern den lokalen Behörden über die sozialen Netzwerke angezeigt werden. Es gibt außerdem eine Smartphone-App von Umweltschützern, die die Emmissionsdaten zur Luftverschmutzung in chinesischen Städten als Karte anzeigt. Allerdings wurde diese App mit dem Namen „Air matters“ (vorher „Luftqualitäts-Index von ganz China“) von der Regierung 2017 zensiert. Es gibt nun eine Obergrenze von 500, die gezeigt wird, auch wenn die Luftbelastung tatsächlich in der jeweiligen Stadt höher liegt. Link: https://air-matters.com/

Weitere Links zum Thema:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/smog-das-wunder-von-peking-a-1197823.html

http://german.china.org.cn/txt/2018-03/25/content_50745763.htm

https://www.welt.de/wirtschaft/article174643484/Recycling-Alba-zeigt-den-Chinesen-wie-es-funktioniert.html

http://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/china/probleme-und-potenziale/

https://www.tagesschau.de/ausland/klimakonferenz-china-101.html

Buchtipp: China für die Hosentasche

China für die Hosentasche, Fischer TBSchon gewusst, dass in China 3,8 Millionen Fahrstühle und Rolltreppen täglich im Einsatz sind? Oder dass nur 11 Prozent der Fläche Chinas für die Landwirtschaft nutzbar ist? Das Buch „China für die Hosentasche. Was Reiseführer verschweigen“ von der Ostasienwissenschaftlerin Françoise Hauser gibt einen überraschenden Einblick in ein Land, das für die westliche Welt voller Mysterien, Rätsel und Widersprüche ist.

Die Autorin hat viele spannende Fakten zu China zusammengetragen. Kurz, prägnant und mit dem Fokus auf das Wesentliche. Der Leser erfährt viel über Alltagskultur und Kuriositäten aus dem Reich der Mitte – warum 28.000 Flüsse „verschwunden“ sind, dass der CCTV Tower in Peking im Volksmund als „große Unterhose“ bezeichnet wird und was es mit den „Geisterstädten“ auf sich hat. Die meisten Überseechinesen leben übrigens in Indonesien (7,5 Mio.) In den USA wohnen 3,8 Mio. chinesische Einwohner, 500.000 in Großbritanien und –  knapp hinter Kuba – 105.000 in Deutschland.

Kulinarische Eigenheiten werden ebenso beschrieben, wie diverse Freizeitvergnügen der Chinesen, Religion, Wirtschaft oder der digitale Wandel, der in China wie in keinem anderen Land im Eiltempo voranschreitet. Ein Handy ist für die Chinesen unverzichtbar und ein Statussymbol, das den Alltag bestimmt. 2015 besaßen fast 95 Prozent ein Handy oder Smartphone. Für viele Chinesen, so Hauser, hat das Smartphone eine besondere Funktion: Es ist für viele ein Fenster zur Welt. Denn nicht alle Chinesen sind in der Lage, sich einen teuren PC leisten zu können, um im Internet zu surfen oder auch die sozialen Netzwerke zu nutzen. Im Volkskongress ist übrigens der Gebrauch von Handys seit 2014 verboten – wahrscheinlich aufgrund der potentiellen Ablenkungsgefahr für die Abgeordneten. Wer nach einer Webseite der Kommunistischen Partei Chinas sucht, kann sich die Mühe sparen. Es gibt keine. Dafür aber eine Webseite für die digitale Ahnenverehrung – hier treffen Tradition und Moderne in sehr praktischer Weise aufeinander.

„China für die Hosentasche“, Fischer Verlag, ist ein kurzweiliges kleines Buch mit kompaktem Wissen auf 320 Seiten. Ein alternativer Reiseführer mit leichtem Einstieg in die chinesische Lebenswelt. Interessant für China-Begeisterte und China-Kenner.

Françoise Hauser: „China für die Hosentasche. Was Reiseführer verschweigen“, FISCHER Taschenbuch, 2017

 

 

 

 

Digitalisierung in China – vom mobilen Supermarkt bis zur Gesichtserkennung

Foto: M. Schneider

Die Digitalisierung in China schreitet schneller voran als im Westen. Staatschef Xi Jinping sprach auf dem Parteitag im Oktober 2017 von einer neuen Ära und einem digitalen China mit einer smarten Gesellschaft. Der Wettlauf um den digitalen Fortschritt ist eingeläutet. Die technischen Entwicklungen im Reich der Mitte sind beeindruckend, irritierend und zuweilen kurios.

Big Data
Die chinesische Regierung setzt bei der Digitalisierung in erster Linie auf Videoüberwachung und Big Data. Systeme zur Gesichtserkennung sollen bis 2020 in China ausgebaut werden. Hinzu kommt die Einführung eines Social Credit Systems: Wer sich korrekt und parteikonform verhält, bekommt soziale Punkte gutgeschrieben. Die gesammelten Daten fließen in ein Bewertungssystem ein, das Auswirkungen haben kann auf die Kreditwürdigkeit oder den Zugang zu Bildung und Jobs. Die Regierung arbeitet hierfür mit Firmen zusammen wie China Rapid Finance, dem Entwickler des Messengerdienst WeChat. Die Überwachung soll landesweit und allumfassend werden. George Orwell lässt grüßen. Gesichtsscannen am Himmelstempel in Peking ist bereits an der Tagesordnung. Seit den vermehrten Diebstählen von Toilettenpapier muss sich nun jeder Besucher per Gesichtserkennung identifizieren und erhält dann seine Ration von 60 cm Papier. Erst nach 9 Minuten gibt es eine Freischaltung für dieselbe Person und weiteres Toilettenpapier kann zugeteilt werden. Die New York Times berichtete.

Innovative Techniken
Auf der diesjährigen Elektronikmesse CES in Las Vegas zeigte China seine Innovationsstärke. Mit 1700 Ausstellern war die Volksrepublik vertreten. Das Image, Billigproduzent und Raubkopierer zu sein, will das Land endgültig ablegen und durch eigene  technische Lösungen überzeugen. Zu den Neuheiten zählten u.a. ein Tischtennis-Trainingsroboter, der in China und Japan entwickelt wurde. Auch ein erstes Live-Übersetzungsprogramm, das Personen über Kopfhörer miteinander kommunizieren lässt, wurde präsentiert. Der Hersteller Ecoo hat den Anspruch, das günstigste Elektroauto der Welt zu produzieren. Eine Kampfansage gegenüber der deutschen Automobilindustrie, die mit Elektromobilität punkten will. China setzt in Zukunft auf dezentrale Speicherlösungen statt auf große Rechenzentren, denn auch im Cloud-Service-Markt will China in den nächsten Jahren ganz vorne mitspielen.

Soziale Netzwerke
Der Alltag der Chinesen ist weitaus mehr durch soziale Netzwerke und mobile Geräte geprägt als in Deutschland: 90 Prozent der Internetnutzer sind aktiv in den sozialen Medien (in Deutschland sind es 1/3), wobei die Chinesen über eigene Kanäle verfügen, die allerdings der Zensur der Regierung unterworfen sind. Da die westlichen Kanäle wie Youtube, Facebook, Whatsapp und Twitter in China einer Sperre u nterliegen, nutzen die Chinesen Youku, Renren, WeChat und Weibo. Chinesen können mit der App Alipay ihre Einkäufe bezahlen. Großer Konkurrent für Amazon ist das Internetunternehmen Alibaba, das von Jack Ma gegründet wurde.

Mobiler Markt
Einkaufen  in China wird digitaler. In Shanghai fährt bereits heute ein mobiler Supermarkt als Prototyp durch die Straßen. Registrierte Personen können dort einkaufen. Der Wheely’s Moby Mart ist ein Projekt eines schwedischen Start-up-Unternehmens und der chinesischen Hefei Universität. Ein faszinierendes Modell, aber auch irgendwie kurios. Läden ohne Personal könnten weiter an Bedeutung gewinnen. Im letzten Jahr eröffnete Alibaba ein Café in Hangzhou, das ohne Mitarbeiter im Laden auskommt. Eintritt erfolgt über eine App. Bezahlt wird über ein Online-Konto.

Künstliche Intelligenz (KI)
China soll bis 2030 Vorreiter bei der Künstlichen Intelligenz werden. In Peking wird ein KI-Industriepark mit bis zu 400 Firmen entstehen. Die vornehmlichen jungen Firmen sollen sich mit Zukunftstechnologien wie Cloud Computing, Big Data, Deep Learning und Biometrie befassen. Die chinesische Regierung fördert dieses Projekt  mit umgerechnet 2 Milliarden Euro. KI wird für viele Bereiche immer wichtig werden: smarte Roboter, die mit Menschen zu Hause kommunizieren, intelligente Industrieroboter, die auch gefährliche Arbeiten übernehmen können, oder auch Systeme für smarte Lagerung  und Logistik.

China befindet sich auf dem Weg zu einer digitalen Gesellschaft. Das Land hat sich hierfür seinen eigenen Markt geschaffen, der sich vom Westen bewusst abgrenzt. Die nächsten Jahre werden zeigen, inwieweit sich der Westen im Wettlauf um die Digitalisierung gegenüber China behaupten kann.

Kulturtipps: Ausstellungen zu China in Berlin

China in Berlin:  Außer den niedlichen Pandabären im Zoo und den chinesischen Gärten auf der Internationalen Gartenausstellung hat Berlin in diesem Sommer noch andere kulturelle Highlights zu bieten. Berliner Museen und Institutionen zeigen derzeit und in den kommenden Monaten viele interessante Ausstellungen rund um das Reich der Mitte. Eine gute Alternative, wenn es in der Stadt wieder wie aus Kübeln regnet. Hier eine Übersicht:

Ausstellungen zu China in Berlin

  • bis 27. Juli 2017
    Konfuzius Institut Berlin

    „Carl Arendt (1838-1902) und die Entwicklung der Chinawissenschaft“
    Die Ausstellung präsentiert Leben und Wirken Carl Arendts, des ersten Professors für Chinesisch am Seminar für Orientalische Sprachen an der Berliner Universität. Arendt spielte eine entscheidende  Rolle in der deutschen Kolonialpolitik in China und im Prozess der Professionalisierung der Sinologie. Beispielhaft wird die Verflechtung von Kolonial- und Wissensgeschichte aufgezeigt.
    Wo: Konfuzius-Institut an der Freien Universität Berlin
    Galerieraum 117/118
    Goßlerstraße 2-4, 14195 Berlin
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  • 6. Juli bis 3. Dezember 2017
    Neues Museum
    Sonderausstellung „China und Ägypten. Wiegen der Welt“

    Eine Sonderausstellung des Ägyptischen Museums und Papyrussammlung – Staatliche Museen zu Berlin in Kooperation mit dem Shanghai Museum. Erstmals werden im Neuen Museum altägyptische und altchinesi-sche Exponate gemeinsam präsentiert.
    Wo: Neues Museum, Bodestraße, 10178 Berlin
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  • 13. Juli bis 30. August 2017
    Chinesisches Kulturzentrum Berlin
    Ausstellung „Das schöne Grasland, meine Heimat – Graphikkunst aus Horqin (Innere Mongolei)“
    Wo: Klingelhöferstraße 21, 10785 Berlin
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  • 22. Juli bis 31. August 2017
    Aedes Architekturforum
    Ausstellung „Jetzt und Hier – Chengdu – Liu Jiakun: Ausgewählte Arbeiten“

    Mit einem Fokus auf die soziale Realität und unter Berücksichtigung des lokalen Kontexts und Handwerks überträgt das Werk Liu Jiakuns in einzigartiger Weise traditionelle chinesische Haltung in eine zeitgemäße Architektursprache.Wo: Aedes Architekturforum
    Wo: Aedes Architekturforum, Christinenstr. 18–19, 10119 Berlin
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  • 29. September2017 bis 07. Januar 2018
    Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin
    „Wechselblicke. Zwischen China und Europa 1669-1907“
    China und Europa verbindet eine lange Tradition des wechselseitigen Kulturaustauschs. Besonders intensiv war dieser Austausch während der Qing-Dynastie (1644-1911), die als eine der kulturellen und politischen Hochphasen der chinesischen Geschichte gilt. Den Facettenreichtum dieser gegenseitigen Faszination veranschaulicht die Ausstellung anhand von Exponaten aus dem Zeitraum von 1669 bis 1907.
    Wo: Kunstbibliothek, Mattäikirchplatz 6, 10785 Berlin
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  • bis 03. November 2017
    TU Berlin
    CCTV – China von oben: Frank Palmer fotografiert Wanderarbeiter beim Stahlbau in China
    Das Center for Cultural Studies on Science and Technology in China (CC) der TU Berlin präsentiert die Ausstellung „CCTV – China von oben“ des deutschen Fotografen Frank P. Palmer, der seit über 20 Jahren in China lebt. Über einen Zeitraum von ca. fünf Jahren hat er chinesische Wanderarbeiter beim Bau des China Central Television Headquarters (CCTV) in Peking aus unmittelbarer Nähe dokumentiert.
    Wo: TU Berlin, Center for Cultural Studies on Science and Technology in China (China Center), Marchstr. 23, 10587 Berlin, Raum MAR 2.032-2.035
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  • ab dem 23. November 2017
    Konfuzius Institut Berlin
    Ausstellung „Der Traum vom Glück“
    Überall auf der Welt träumen die Menschen vom Glück. Die Ausstellung fragt nach dem Ursprung der Glückssymbolik in China und erläutert ihre Bedeutung an zahlreichen Beispielen und Objekten. Untersucht werden z.B. die Farbe Rot, chinesische Glückszahlen, der Herkunft der Glückskekse und der Gleichklang von chinesischen Wörtern und Begriffen.
    Ausstellung
    Wo: Konfuzius-Institut an der Freien Universität Berlin, Galerieraum 117/118,
    Goßlerstraße 2-4, 14195 Berlin
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Für aktuelle Änderungen bitte die Webseite der jeweiligen Veranstalter besuchen.

Gerd Kaminski: Von roten Schleiern und bunten Eiern – Chinesische Lebensbräuche

Bacopa Verlag Kaminski Buch Was hat es auf sich mit der Jadefee? Warum feiern die Chinesen die hundert Tage nach der Geburt und warum trugen Bräute sogenannte Frühlingsbilder unter ihrem Gewand? Chinesische Bräuche unterscheiden sich in so manchen Aspekten von denen der westlichen Hemisphäre. Bei der Hochzeit lamentiert beispielsweise die Braut, wenn der Bräutigam sie in Empfang nimmt, bunte Eier gehören zu den Geburtsritualen und das Fabelwesen Qilin (und nicht der Storch) bringt die Kinder auf seinem Rücken auf die Welt. Wer sich mit den noch heute lebendigen Traditionen und den Märchen und Legenden Chinas vertraut machen will, dem sei das neue Buch von Prof. Dr. Gerd Kaminski „Von roten Schleiern und bunten Eiern“, Bacopa Verlag, ans Herz gelegt.

Kaminski erklärt die Rituale und deren Ursprünge, spannt einen Bogen von der Vergangenheit über die Kulturrevolution bis heute. Laut Verlag ist es das erste Buch in deutscher Sprache, das sich in dieser umfassenden Form mit chinesischer Volkskunde befasst. Empfehlenswert nicht nur für Ethnologen, sondern alle, die sich für chinesisches Brauchtum auch aus wissenschaftlicher Sicht interessieren. Der Autor ist Österreicher und studierte Rechtswissenschaft und chinesische Sprache an der Universität Wien. 1971 gründete er das Österreichische Institut für China- und Südostasienforschung sowie die Österreichisch-Chinesische Gesellschaft.

Gerd Kaminski: Von roten Schleiern und bunten Eiern. Chinesische Lebensbräuche, Juni 2017, Bacopa Verlag, Link: https://www.bacopa.at/page/md3000003_71360.html

Buchtipp: Suppen aus China – Vegane Rezepte für den Alltag

Suppen aus China, Drachenhaus VerlagChinas Küche ist vielfältig, auch bei den Suppen. Chinesen essen sie schon morgens als Frühstücksmahlzeit wie beispielsweise Nudelsuppe oder verzehren sie zum Abschluss nach dem Hauptgang. Suppen sind lecker und vor allen Dingen gesund. Bei Krankheit isst man am besten Reissuppe, die stärkend wirkt. Heute möchte ich Euch ein besonderes Kochbuch vorstellen, das sich ausschließlich mit veganen chinesischen Suppen beschäftigt. „Suppen aus China. Vegane Rezepte für den Alltag“, erschienen im Drachenhaus Verlag, macht Appetit auf authentische chinesische Suppen.

Sie klingen wie ein Gedicht: Schneegestöber in den Roten Bergen, Sonnenuntergang im Weißen Fluss oder Flüssige Jade. Die veganen Suppen aus China haben klangvolle Namen und sind gehaltvoll, auch wenn sie lediglich aus Kräutern, Gemüse und Pasten bestehen. Nach der chinesischen Ernährungslehre sollte man Suppen zu bestimmten Jahreszeiten zubereiten und verzehren. Je nach den körperlichen Bedürfnissen, die sich im Frühling, Sommer, Herbst oder Winter unterscheiden, haben die Suppen verschiedene Wirkungen auf unseren Organismus. Nahrung wirkt daher wie „Medizin“.

Das Buch ist insgesamt aufwendig gestaltet. Durch großformatige Fotos werden die Rezepte schön in Szene gesetzt. Zudem bietet das Kochbuch einen guten Überblick über die Ernährungslehre der Fünf Elemente und eine Übersicht der wärmenden (Yang) und kühlenden (Yin) Nahrungsmittel.

Mir gefällt das Kochbuch sehr gut aufgrund seiner tollen Aufmachung und der außergewöhnlichen Rezepte, die man nicht in jedem Kochbuch findet. Empfehlenswert nicht nur für Suppenfans, sondern auch für alle, die sich für gesunde chinesische Küche interessieren. Ein Buch ganz nach meinem Geschmack.

Nora Frisch, Ming Dittel und Jürgen Bubeck: Suppen aus China. Vegane Rezepte für den Alltag, Drachenhaus Verlag, 2015

http://www.drachenhaus-verlag.com/index.php/programm/Chinas_Kueche