Kunst ohne den Künstler: Ausstellung „Evidence“ von Ai Weiwei zeigt zeitgenössische chinesische Kunst in Berlin als politisches Statement

Ai Weiwei Plakat Ausstellung Berlin Evidnece 2014Die politische Ausstellung „Evidence“ von Ai Weiwei zeigt vom 3. April bis 7. Juli 2014 zeitgenössische, chinesische Kunst im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Ist es Kunst? Ist es Politik? In diesem Fall ist es wohl beides. Ich habe mir die Ausstellung diese Woche angesehen und mir mein eigenes Bild gemacht.

„Evidence“, übersetzt „Beweis“ – so lautet der Titel der weltweit größten Einzelausstellung des zeitgenössischen, chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Nach dem Foto auf dem Werbeplakat könnte man aber auch frei übersetzen „Augen auf“ oder „Hinschauen“. Ai, der auch Blogger, Architekt, Filmemacher und politischer Aktivist ist, hat seine eigene Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau selbst nicht gesehen, nur an seinem Schreibtisch entworfen. Denn die Ausreise aus China bleibt ihm von den chinesischen Behörden verwehrt.

Blumen-Fahrrad Ai Weiwei ausstellung Berlin 2014

Seit drei Jahren darf Ai China nicht verlassen, sein Reisepass ist konfisziert. Solange er nicht im Besitz seines Passes ist, steht ein Fahrrad vor seinem Atelier, das jeden Tag mit Blumen geschmückt wird. Auch vor dem Ausstellungsgebäude in Berlin steht ein solches „Blumen-Fahrrad“. Unbewacht. Aber im Boden mit dem Hinterrad befestigt. Sicher ist sicher.

Fahrräder Installation Ai Weiwei Ausstellung Berlin 2014

Beeindruckend ist zu Beginn der Ausstellung die von der Decke hängende Installation von 150 in Einzelteile zersägten Fahrrädern. Die Räder schweben im Foyer wie ein überdimensionaler Kronleuchter über den Besuchern. Dieses Werk soll sowohl Sinnbild für die Entwicklung von der Fahrradnation zur motorisierten Gesellschaft sein, als auch Erinnerung an einen zum Tode verurteilen unschuldigen Fahrradfahrer.

Kunstwerke mit politischem Anspruch

Das erste Highlight bildet die Installation „Stools“ im Lichthof des Martin-Gropius-Baus: 6000 traditionelle Holzschemel stehen aneinandergereiht und bedecken den Boden wie ein gigantisches Mosaik. Ich habe Lust, über dieses Werk zu laufen oder wenigstens ein Foto von diesem beieindruckenden Werk zu machen, das eine faszinierende Ruhe ausstrahlt. Doch überall im Lichthof sorgen Wachleute dafür, dass weder Fotos geschossen noch die Objekte zu nah betrachtet werden. Eigentlich paradox zur Intention der Ausstellung. Es bleibt mir daher nur übrig, einige Fotos vor dem Eingang zu schießen.

Die gezeigten Objekte und Installationen sind nicht nur als ästhetische Kunstwerke konzipiert, sondern ganz bewusst Mahnung und Ausdruck politischer Botschaften – Regimekritik im Kontext historischer und aktueller Ereignisse, verpackt in Marmor, Gold, metallischem Auto-Lack oder Holz. Der Konzeptkünstler will beispielsweise an das Erdbeben in Sichuan erinnern, bei dem vor sechs Jahren 80000 Menschen ums Leben kamen, darunter viele Kinder, die unter den Trümmern ihrer Schulgebäude starben. Ai sammelte die verbogenen Armierungsstahlträger, die ursprünglich für die Stabilität der Häuser sorgen sollten, aber eine schlechte Qualität aufwiesen. Die verbogenen Stäbe ließ  er in einem großen Viereck am Boden anordnen – wie das Fundament eines Hauses. Es ist eine Anklage an die Vertuschungsbemühungen und das Versagen der Behörden im Umgang mit der Katastrophe. Ihn beschäftigt auch eine weiteres aktuelles Ereignis: Ai thematisiert den Streit um die pazifischen Diaoyu-Inseln, indem er die Inseln aus Marmor nachbaut und die Besucher drumherum laufen lässt.

Die Besucher der Ausstellung können sich den Nachbau seiner Gefängniszelle anschauen, eine persönliche Verarbeitung seiner 81 Tage währenden illegalen Gefangenschaft im Jahr 2011. In einem weiteren Raum steht ein zusammengepresster Block aus den Resten seines von der Regierung 2010 willkürlich zerstörten Ateliers in Shanghai. Traditionelle Holztüren formt er aus Marmor nach – ein Symbol für die Zerstörung von Kulturgut, ein kaltes, steinernes Denkmal an die alten Dörfer, die nun modernen Luxuswohnvierteln weichen müssen. Ai kombiniert auch Traditionelles mit Modernem – er zeigt damit das „Überstülpen“ von Neuem über das Alte. Und dies mit der drastischen Aktion, alte kostbare Han-Dynastie-Vasen mit Autolack zu besprühen. Eigentlich unfassbar. Neben den Vasen, die wie Urnen aussehen, werden auch vergoldete Büsten von den zwölf chinesischen Tierkreiszeichen ausgestellt.

Ausstellung zum Nachdenken und Hinschauen

Ai WeiweiDie Ausstellung regt zum Nachdenken, Nachschlagen und Lesen an. Ohne Hintergrundwissen zur Biografie des Künstlers, ohne Kenntnisse über chinesische Geschichte oder aktuelle Ereignisse erschließen sich die Werke von Ai Weiwei nämlich nicht. Erste Informationen und Fakten bieten die Infotafeln und der Audio Guide, der sogar eine kindgerechte Version für junge Besucher bietet.

Offen bleibt aber die Frage: Wer sind die „Netzbürger“? Gemeint sind die 30000 chinesischen Internetnutzer, die „netizens“, welche Ai Weiwei mit einer Art Crowd-Funding-Aktion unterstützten. Ai sollte nach seinem Gefängnisaufenthalt 1,7 Millionen an Steuern nachzahlen. Über eine Million Euro sammelten seine Internetfreunde. Die von ihm ausgestellten Schuldscheine wurden in zwei Ausstellungsräumen an die Wände tapeziert. Ein ästhetischer Hingucker.

Mein Fazit

„Evidence“ ist vom Umfang kleiner, als ich gedacht habe. Nach 1,5 Stunden habe ich alles gesehen und auf mich wirken lassen. Die Ausstellung beginnt mit einem Paukenschlag (die Holzschemel im Lichthof) und endet mit den weißen, eher unspektakulären Marmortüren in einem weißen Raum, der in einer Sackgasse endet. Eine abfallende Dramaturgie. Ais Kunst ist plakativ, schnörkellos, manchmal wirkt sie aufgesetzt. Es geht weniger um chinesische Kunst als um einen chinesischen Künstler.  Was am Ende zählt, ist die Intention. Es geht nämlich auch um traditionelle Werte und um die Bürger, die den Mut haben, sich aufzulehnen. Ein Besuch lohnt sich in jedem Fall.

Die Ausstellung „Evidence“ von Ai Weiwei im Martin-Gropius-Bau ist noch bis zum 7. Juli 2014 geöffnet. Veranstalter sind die Berliner Festspiele. Der Eintritt für Jugendliche bis 16 Jahren ist frei. Mehr Infos zur Ausstellung: Evidence

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