Chinesisches Märchen: Die Tränen-Seen

Chinesische Märchen berühren auf eine ganz besondere Weise, auch wenn sie nicht immer gut enden. Eine Erzählung gefällt mir heute noch genauso gut wie damals, als ich noch ein Kind war. Sie erklärt auf zauberhafte, mystische Art die Entstehung einer landschaftlichen Besonderheit Chinas. Hier nun das Märchen von den Tränen-Seen:

Chinesischer Drache

Ein Gutsherr, den man wegen seiner Bösartigkeit schwarzer Tiger nannte, lebte einst in einem kleinen Dorf. Er kleidete sich vornehm, genoss seinen Reichtum in vollen Zügen, behandelte aber seine Pächter schlecht. In jenem Dorf wuchs auch ein Junge namens Wen Peng auf. Er ging jeden Tag fischen, um sich und seine Mutter zu ernähren.

Eines Tages zog Wen Peng einen großen Fisch an Land, und er war überrascht, denn die Schuppen des Fisches bestanden aus purem Gold. „Wenn Du mich frei lässt, werde ich dich belohnen,“ bettelte der Fisch. Der Junge nahm den Fisch und warf ihn zurück ins Wasser. Zum Dank brachte der Fisch ihm eine Perle, die ihm ein Leben im Überfluss bringen sollte. Zu Hause zeigte er die Perle seiner Mutter. „Wir können die Perle morgen in der Stadt verkaufen“, beschloss sie und bewahrte sie vorerst in einem Fass mit Reis auf. Mit Erstaunen stellte sie zum Abendbrot fest, dass der Reis in dem Fass nicht weniger wurde, als sie welchen herausnahm. Das Fass füllte sich stets mit neuem, feinsten Reis. Als sie die Perle in ihren Geldbeutel mit einer Münze steckte, füllte sich dieser mit Geld. Sie brauchten sich keine Sorgen mehr machen. Trotzdem ging der Sohn jeden Tag an den Fluss, um zu angeln.

Die Frau des Gutsherren wurde misstrauisch, beschuldigte die Mutter des Diebstahls. Aus Angst gab die Mutter das Geheimnis der Perle preis. Schon am nächsten Tag kam der Gutsherr mit seinen Leuten und wollte die Perle beschlagnahmen. Wen Peng versteckte sie in seinem Mund und als ihn jemand trat, schluckte er sie vor Schreck hinunter. „Dann sehen wir uns vor Gericht wieder“, tobte der Gutsherr und verließ das Haus mit seiner Gefolgschaft.

Plötzlich verspürte Wen Peng unbändigen Durst. „Trink aus der Regentonne, mein Sohn“, sagte die Mutter, aber ihr Sohn war danach immer noch durstig. Er lief zum Fluss und trank den halben Fluss leer. „Was passiert mit dir, mein Junge“, fragte sie entsetzt, als Wen Peng sich plötzlich in einen Drachen verwandelte, nur ein Fuß blieb in seiner menschlicher Gestalt. Der Drache erhob sich sogleich in die Lüfte. „Bleib bei mir“, rief die Mutter. „Ich muss fort“, antwortete der Drache, blickte sich nochmals um und verlor dabei eine heiße Träne, die neben dem Fluss den Boden berührte. „Dreh Dich nochmals um“, jammerte die Mutter und sah ihrem Sohn nach. Insgesamt 24 Mal drehte sich der Drache um und verlor jedes Mal eine Träne aus seinem brennenden Auge.

In der Provinz Shenzhen gibt es einen Fluss namens Min, der sich wie ein Band durch das Land schlängelt. Und in jeder Windung liegt ein kleiner See – dies sind die traurigen Tränen des Wen Peng.

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